Nachdem sie nach einer schweren Scheidung einen neuen Job gefunden hatte, ging Susanna, eine fünfunddreißigjährige Frau mit müdem, aber entschlossenem Blick, jeden Morgen denselben Weg – von ihrem Hauseingang bis zur U-Bahn.
Ganz am Anfang der Straße, neben einem Apothekenkiosk, saß seit mehr als zwei Monaten eine schmale, grauhaarige alte Frau in einem zerrissenen Mantel. Vor sich hatte sie eine abgenutzte Decke ausgebreitet und einen Blechbecher hingestellt. Susanna ging nie einfach vorbei: mal warf sie zehn Rubel hinein, mal eine Handvoll Kleingeld, manchmal sogar einen Schein, wenn ihr Gehalt pünktlich kam.
Die alte Frau nickte jedes Mal leise, mit einer Dankbarkeit, die keine Worte brauchte. So ging es Tag für Tag – eine Gewohnheit, die sich zu einem stillen morgendlichen Ritual entwickelt hatte, fast wie ein fester Teil ihres Weges.
An diesem Morgen begann alles wie immer. Ein feiner Nieselregen fiel, der Asphalt glänzte, die Menschen eilten vorbei, ohne aufzusehen. Susanna griff automatisch in ihre Tasche, tastete nach Münzen, beugte sich hinunter – doch bevor sie sie hineinwerfen konnte, packte die alte Frau plötzlich ihr Handgelenk.
Die Finger waren trocken und knochig, doch erstaunlich kräftig. Susanna hob den Blick – die Augen der Alten waren völlig verändert, nicht mehr ruhig und ergeben, sondern erfüllt von Unruhe und beinahe panischer Angst.
„Mein Kind… hör mir gut zu“, flüsterte sie und ließ ihre Hand nicht los. „Du hast mir so oft geholfen… Lass mich jetzt etwas für dich tun. Geh heute nicht nach Hause. Unter keinen Umständen. Übernachte irgendwo – bei einer Freundin, in einem Hotel, bleib meinetwegen die ganze Nacht in der U-Bahn… aber kehr nicht in deine Wohnung zurück. Versprich es mir.“
Susanna war so überrascht, dass sie sich nicht einmal aufrichtete. Um sie herum strömten die Menschen weiter, niemand hörte das Gespräch mitten im kalten Morgen. Die alte Frau ließ ihre Hand ebenso plötzlich los, senkte den Blick, als sei alles gesagt.
Langsam ging Susanna weiter, doch auf dem ganzen Weg zur U-Bahn spürte sie, wie sich in ihrer Brust eine wachsende Unruhe ausbreitete.
Als sie am Abend nach draußen trat, hatte sich der Regen in Nebel verwandelt, und die Worte der alten Frau klangen lauter als der Verkehrslärm.
Susanna blieb an einem Zebrastreifen stehen, zog ihr Handy heraus und buchte, fast ohne bewusst darüber nachzudenken, ein Bett in einem nahegelegenen Hostel. In dieser Nacht kehrte sie nicht nach Hause zurück.
Am nächsten Morgen ging Susanna früher als gewöhnlich zu der alten Frau. Diese hob den Kopf, als hätte sie auf sie gewartet. Und an diesem Morgen erzählte sie ihr etwas, das Susanna das Blut in den Adern gefrieren ließ 😱
In der Nacht, in der Susanna im Hostel geblieben war, brannte ihre Wohnung im vierten Stock vollständig aus – die Feuerwehr sagte, die Tür sei aufgebrochen worden und das Feuer sei gleichzeitig an mehreren Stellen gelegt worden.
Dann folgte eine Erklärung, die Susanna eine Gänsehaut über den ganzen Körper jagte. Die alte Frau berichtete, dass sie am Abend zuvor gehört hatte, wie zwei Männer Susanna folgten, als sie von der Arbeit kam, und darüber sprachen, „heute Nacht mit ihr fertig zu werden“ und „die Wohnung ohne Aufsehen zu übernehmen“.
Sie hatte Angst einzugreifen und vertrieben zu werden, deshalb wartete sie bis zum Morgen, um sie unbemerkt warnen zu können.
Später stellte sich heraus, dass diese beiden Männer ihr Ex-Mann und dessen Bekannter waren, die beschlossen hatten, Susanna wegen ihrer Wohnung aus dem Weg zu räumen.
