Anna presste sich mit dem Rücken gegen die feuchte Erdwand.
Der schwarze Sack schwebte langsam zu ihr hinab.
Das Seil knarrte.
Erde rieselte von oben auf ihre Haare und Schultern.
Aus dem unteren Ende des Sacks ragte eindeutig ein Schuh.
Ein dunkler Lederschuh, an dessen Sohle frischer Schlamm klebte.
Anna konnte kaum atmen.
„Was ist da drin?“, rief sie nach oben.
Sie ließ den Sack weiter hinab, bis er mit einem dumpfen Schlag auf dem Boden aufkam.
Der Aufprall ließ den halb verrotteten Deckel der alten Holzkiste aufspringen.
Mehrere Münzen rollten über den Boden.
Zwischen ihnen fiel ein kleiner silberner Gegenstand heraus.
Anna richtete die Taschenlampe darauf.
Es war eine Polizeimarke.
Nicht alt und verrostet wie die anderen Dinge.
Daneben lag ein Ausweisfoto eines jungen Mannes.
Anna kannte sein Gesicht.
Sie hatte es wenige Tage zuvor auf einem Aushang im Dorfladen gesehen.
Ein Polizist aus der Kreisstadt wurde vermisst.
Seit fast einer Woche.
Der schwarze Sack bewegte sich plötzlich.
Nur ganz leicht.
Unter dem Stoff zuckte etwas.
Sie trat näher heran.
„Sind Sie noch am Leben?“
Aus dem Sack kam ein schwaches Stöhnen.
Anna griff nach dem Knoten.
In diesem Moment zog die Gestalt oben ruckartig am Seil.
Der Sack wurde über den Boden geschleift.
„Lassen Sie ihn!“
Die Gestalt am Rand der Grube neigte langsam den Kopf.
„Sie sollten sich um Ihre eigenen Angelegenheiten kümmern.“
Dann zog der Fremde ein Messer hervor.
Seine Absicht war eindeutig.
Er wollte nicht, dass Anna die Grube lebend verließ.
Doch plötzlich hörte sie hinter sich ein leises Flüstern.
Anna erstarrte.
Die Stimme kam aus der Erdwand.
Dort, wo sie zuvor nur Knochen und Stoffreste gesehen hatte.
Etwas bewegte sich zwischen den Wurzeln.
Eine menschliche Hand schob Erde zur Seite.
Ein Mann kroch aus einer schmalen Öffnung.
Sein Gesicht war voller Blut und Schmutz.
Anna erkannte ihn sofort.
Es war der vermisste Polizist vom Foto.
Der Mann hob einen Finger an die Lippen.
Dann zeigte er auf einen dunklen Spalt hinter der alten Kiste.
„Dort hinein“, flüsterte er.
„Schnell.“
Anna kroch auf allen vieren zu ihm.
Der Unbekannte setzte die Stiefel vorsichtig zwischen die Wurzeln.
Anna und der verletzte Polizist zwängten sich in den schmalen Gang.
Er war kaum breit genug für einen Menschen.
Hinter ihnen löste der Fremde den Sack vom Seil.
Anna hörte Stoff rascheln.
Dann ein ersticktes Husten.
Im Sack lebte tatsächlich jemand.
Der Polizist schüttelte den Kopf.
„Wenn wir jetzt zurückgehen, sterben wir alle.“
„Wer ist dieser Mann?“
Der Verletzte sah sie ernst an.
„Jemand, den das ganze Dorf kennt.“
Bevor Anna weiterfragen konnte, fiel Licht in den Tunnel.
Die Gestalt hatte die Grube erreicht.
Sie wusste, dass Anna nicht mehr dort war.
„Sie können sich nicht verstecken“, rief die tiefe Stimme.
„Dieser Wald gehört mir.“
Der Polizist zog Anna weiter in den Tunnel.
Jeder Atemzug bereitete ihm Schmerzen.
Nach einigen Metern wurde der Gang breiter.
Dort standen alte Holzbalken, verrostete Schienen und Reste von Werkzeugen.
Es war ein alter unterirdischer Stollen.
„Was ist das für ein Ort?“
„Ein ehemaliges Militärlager“, antwortete der Polizist leise.
„Nach dem Krieg wurde es offiziell verschlossen.“
„Und die Toten?“
Er sah zurück zur Grube.
„Nicht alle stammen aus dem Krieg.“
„Was meinen Sie?“
„Seit über zwanzig Jahren verschwinden Menschen in dieser Gegend.“
Wanderer.
Obdachlose.
Reisende, die nur auf der Durchfahrt waren.
Die meisten Fälle waren nie miteinander verbunden worden.
Einige galten als Unfälle.
Der Polizist hatte jedoch bemerkt, dass viele der Vermissten zuletzt in der Nähe desselben Waldgebiets gesehen worden waren.
Er hatte heimlich ermittelt.
Vor sechs Tagen war er dabei entdeckt worden.
„Der Mann oben hat Sie entführt?“
„Er und seine Helfer.“
„Wer ist er?“
Der Polizist griff in seine zerrissene Jacke.
„Auf diesem Gerät ist alles.“
Stimmen.
Namen.
Orte.
Und die Erklärung dafür, warum in der Holzkiste Münzen, Medaillen und Kreuze lagen.
Die Gegenstände gehörten den Opfern.
Sie waren keine wertvolle Schatzsammlung.
Der Täter hatte von jedem Menschen, der in der Grube verschwunden war, einen persönlichen Gegenstand aufbewahrt.
Anna wurde übel.
„Warum haben Sie überlebt?“
„Weil sie wissen wollten, wem ich bereits etwas erzählt habe.“
„Und haben Sie jemandem davon erzählt?“
Der Polizist schüttelte den Kopf.
„Noch nicht.“
Die Gestalt war in den Tunnel eingedrungen.
Anna und der Polizist bewegten sich weiter.
Der Gang führte tiefer unter die Erde.
Mehrmals verzweigte er sich.
An den Wänden befanden sich verblasste Markierungen und alte Nummern.
Der Polizist kannte den Weg nicht vollständig.
Er hatte die schmale Öffnung erst gefunden, nachdem seine Entführer ihn in die Grube geworfen hatten.
Er war fast entkommen, als Anna hineinstürzte.
„Warum haben Sie nicht sofort gerufen?“
„Weil ich nicht wusste, ob Sie zu ihnen gehören.“
Anna wollte antworten.
Doch da hörten sie ein leises Weinen.
Es kam aus einem Seitenraum.
Hinter einer rostigen Metalltür.
Der Polizist hielt sie zurück.
„Es könnte eine Falle sein.“
Das Weinen erklang erneut.
Diesmal folgte eine Kinderstimme.
„Bitte … lassen Sie mich raus.“
Anna zog ihre Hand nicht zurück.
„Da ist ein Kind.“
Der Raum dahinter war klein und vollkommen dunkel.
In einer Ecke saß ein Mädchen, vielleicht zehn Jahre alt.
Ihre Hände waren mit einem Kabel zusammengebunden.
Neben ihr lag ein bewusstloser Mann.
Er trug den zweiten Schuh, der zu dem Schuh am schwarzen Sack passte.
„Papa“, schluchzte das Mädchen.
Anna kniete sich zu ihr und löste die Fesseln.
„Mascha.“
Sie und ihr Vater waren zwei Tage zuvor zum Angeln in den Wald gefahren.
Ein Mann hatte ihnen erzählt, eine Brücke sei zerstört, und ihnen einen anderen Weg gezeigt.
Dort hatten zwei weitere Männer auf sie gewartet.
Sie waren niedergeschlagen und in den Stollen gebracht worden.
Maschas Vater atmete noch.
Aber sehr schwach.
Der Polizist untersuchte die alten Markierungen an der Wand.
Eine davon zeigte einen Pfeil und eine verblasste Nummer.
„Lüftungsschacht“, murmelte er.
„Vielleicht führt er nach draußen.“
Anna und Mascha stützten den verletzten Vater.
Der Polizist ging voraus.
Hinter ihnen wurden die Schritte des Verfolgers lauter.
Er bewegte sich schweigend.
Das war noch beängstigender.
Nach einigen Minuten erreichten sie eine Metallleiter.
Sie führte zu einer runden Luke mehrere Meter über ihnen.
Der Polizist versuchte hinaufzuklettern, doch sein verletztes Bein gab nach.
Anna sah zu Mascha.
„Du musst zuerst.“
Als es die Luke erreichte, drückte es dagegen.
Nichts geschah.
„Sie ist verschlossen!“
Der Polizist gab Anna sein Aufnahmegerät.
„Wenn Sie es nach draußen schaffen, bringen Sie das zur Polizei.“
„Und Sie?“
Er blickte in den dunklen Tunnel zurück.
„Sie können kaum stehen.“
„Aber ich habe keine andere Wahl.“
Anna weigerte sich.
Sie tastete die Wand ab und fand eine rostige Eisenstange.
Gemeinsam stemmten sie sie gegen die Luke.
Beim dritten Versuch brach das verrostete Schloss.
Kaltes Tageslicht fiel in den Schacht.
Dann half sie Anna von oben.
Gemeinsam zogen sie den bewusstlosen Vater durch die Öffnung.
Der Polizist war noch unten.
Plötzlich erschien hinter ihm die dunkle Gestalt.
Sie hatte die Kapuze zurückgeschlagen.
Anna sah das Gesicht.
Und erkannte den Mann sofort.
Der angesehene Vorsitzende der Dorfverwaltung.
Er eröffnete jedes Jahr das Erntefest.
Half älteren Bewohnern beim Ausfüllen von Anträgen.
Und hatte persönlich bei der Suche nach mehreren vermissten Menschen mitgeholfen.
Auch Anna kannte ihn seit Jahrzehnten.
„Sergej?“
Er sah zu ihr hinauf.
Nur Ärger.
„Sie hätten bei Ihren Pilzen bleiben sollen.“
Der Polizist stürzte sich auf ihn.
Beide Männer fielen gegen die Leiter.
Sergej hob das Messer.
Anna griff durch die Öffnung und ließ die Eisenstange fallen.
Sie traf Sergej an der Schulter.
Der Polizist nutzte den Moment und schlug ihn zu Boden.
Dann kletterte er mit letzter Kraft zur Luke.
Anna und Mascha zogen ihn hinaus.
Gemeinsam schoben sie einen schweren Stein über die Öffnung.
Sergej hämmerte von unten dagegen.
„Sie kommen nicht weit!“, schrie er.
„Überall im Wald sind meine Leute!“
„Dann müssen wir dafür sorgen, dass nicht nur eine Person davon erfährt.“
Sein Diensttelefon war verschwunden.
Doch Anna hatte ihr altes Mobiltelefon noch in der Manteltasche.
Es gab nur schwachen Empfang.
Ein einziger Balken erschien.
Der Polizist wählte den Notruf.
Während er sprach, hörten sie in der Ferne einen Motor.
Sergej hatte die Wahrheit gesagt.
Er war nicht allein.
Anna, Mascha und die beiden verletzten Männer versteckten sich hinter umgestürzten Baumstämmen.
Der Wagen hielt wenige Meter entfernt.
Zwei Männer stiegen aus.
Einer trug ein Gewehr.
Sie gingen direkt auf die Luke zu.
Sie glaubte, der Notruf sei zu spät gekommen.
Dann ertönte in der Ferne eine Sirene.
Kurz darauf eine zweite.
Die Männer am Schacht blickten erschrocken auf.
Sie wollten zum Wagen zurücklaufen.
Doch mehrere Polizeifahrzeuge brachen durch das Unterholz.
Die Beamten umstellten das Gebiet.
Sergej wurde wenig später aus dem Stollen geholt.
Sein Mantel war zerrissen.
Sein Gesicht mit Erde bedeckt.
Doch sein selbstsicheres Lächeln war verschwunden.
Die Ermittlungen dauerten Monate.
Unter dem Wald entdeckten Spezialisten ein weit verzweigtes Tunnelsystem.
In mehreren Kammern fanden sie persönliche Gegenstände und menschliche Überreste.
Andere stammten aus den letzten Jahren.
Sergej hatte das Gelände gemeinsam mit zwei Verwandten und mehreren Helfern genutzt.
Sie beraubten Reisende und Menschen, deren Verschwinden ihrer Meinung nach kaum untersucht werden würde.
Alte Münzen und Medaillen verkauften sie heimlich an Sammler.
Besonders persönliche Gegenstände behielt Sergej als Erinnerung.
Die dunkle Grube, in die Anna gestürzt war, hatte früher als Lagerkammer gedient.
Später wurde sie zu einem Ort, an dem die Täter ihre Spuren verbargen.
Außerdem Namen korrupter Beamter, die bei früheren Ermittlungen Hinweise verschwinden ließen.
Die Beweise reichten aus, um das gesamte Netzwerk aufzudecken.
Maschas Vater überlebte.
Der vermisste Polizist musste mehrere Wochen im Krankenhaus bleiben, konnte aber später in den Dienst zurückkehren.
Anna wurde im Dorf als Heldin gefeiert.
Doch sie selbst wollte davon nichts hören.
„Ich bin nur in ein Loch gefallen“, sagte sie.
„Nein.“
„Sie hätten fliehen können, sobald die Luke offen war.“
„Stattdessen blieben Sie und retteten uns.“
Anna ging danach lange Zeit nicht mehr allein in den Wald.
Ihr Pilzkorb stand monatelang unberührt im Flur.
Nachts träumte sie von Knochen in den Wänden und Schritten über ihrem Kopf.
Doch im folgenden Herbst klingelte es an ihrer Tür.
Neben ihr ihr Vater und der Polizist.
Das Mädchen hielt einen neuen Weidenkorb in den Händen.
„Wir wollten Pilze sammeln“, sagte sie.
„Aber nur auf den markierten Wegen.“
Anna betrachtete den Korb.
Dann die drei Menschen, die ohne ihren zufälligen Sturz möglicherweise nie aus dem Wald zurückgekehrt wären.
Schließlich zog sie ihre Jacke an.
An der Stelle, an der sich einst die verborgene Grube befunden hatte, stand nun ein schlichtes Denkmal.
Darauf waren die Namen der identifizierten Opfer eingraviert.
Anna legte einen kleinen Strauß Waldblumen davor.
Dann bemerkte sie etwas am Rand des abgesperrten Geländes.
Zwischen Moos und Blättern wuchs eine einzelne Rotkappe.
Genau die Pilzart, derentwegen sie damals über den umgestürzten Stamm gestiegen war.
Mascha griff nach dem Messer.
„Den lassen wir stehen.“
„Warum?“
Anna blickte auf das Denkmal.
„Weil manche Orte nicht gefunden werden wollen.“
Sie nahm Maschas Hand und ging weiter.
Doch tief unter ihnen, hinter einer zugemauerten Wand, fanden die Ermittler Wochen später noch einen Raum.
Darin stand nur ein leerer Stuhl.
Sie zeigte Anna beim Pilzesammeln.
Das Bild war wenige Tage vor ihrem Sturz aufgenommen worden.
Damit wurde klar:
Ihr Fund war vielleicht doch kein Zufall gewesen.
Jemand hatte gewusst, dass sie an diesem Morgen in den Wald gehen würde.
Und obwohl Sergej im Gefängnis saß, konnte bis heute niemand erklären, wer das Foto aufgenommen hatte.
