Jeden Samstag kam Margarita zum Friedhof. Seit sie ihren Mann vor zwanzig Jahren verloren hatte, hatte sie keine einzige Woche ausgelassen. Der Herbst wurde zum Winter, der Winter zum Frühling, aber die Gewohnheit blieb: ein Kranz, eine Kerze, ein kurzes Gebet. Das war ihr einziges Ritual, ihre einzige Möglichkeit, mit ihm zu sprechen.
An diesem Tag war es sonnig, was für November selten war. Ein leichter Nebel lag über dem Boden, und die Blätter klebten an den Stiefeln. Margarita ging den ihr vertrauten Weg zwischen den Kreuzen entlang und hielt einen Strauß weißer Lilien in den Händen. Aber als sie das Grab erreichte, blieb sie stehen. Auf der Marmorplatte lag bereits ein Strauß – frisch, ordentlich, gerade erst hingelegt.
Es waren dieselben Blumen, die sie immer mitbrachte – weiße Lilien, mit einem goldenen Band zusammengebunden. Aber ihre Stiele glänzten noch von Wassertropfen, als wären sie erst vor wenigen Minuten hingestellt worden. Margarita erstarrte. Niemand außer ihr war hierher gekommen. Da war sie sich sicher.

Ihr Herz schlug schneller. Sie sah sich um – niemand war zu sehen. Nur eine Krähe auf dem benachbarten Zaun und leichter Rauch von einer Kerze. Die Frau hockte sich hin, um den Strauß genauer zu betrachten, und bemerkte eine winzige Karte auf dem Schild. Darauf stand: „Ich habe dich vermisst, Rita.“ Die Handschrift kam ihr nur allzu bekannt vor.
Ihr stockte der Atem. Es war genau dieselbe Inschrift, die ihr Mann auf seinen Notizen hinterließ, wenn er auf Geschäftsreise ging. Dieselbe weiche „R“-Silbe, derselbe ungleichmäßige Strich. Sie fuhr mit den Fingern über das Papier – und spürte, dass es warm war, als käme es gerade aus seinen Händen.
Plötzlich hörte sie hinter sich Schritte. Leise, langsam, als würde jemand über nassen Boden gehen. Margarita drehte sich um, aber der Weg war leer. Nur die Blätter raschelten leise im Wind. Und dann hörte sie aus der Ferne eine Männerstimme.
Leise, heiser.
„Rita … ich wusste, dass du kommen würdest.“
