TEIL 2: Als das Lied endete… verstand der Mann, dass die Vergangenheit direkt vor ihm saß

Als das Lied endete… verstand der Mann, dass die Vergangenheit direkt vor ihm saß

Der letzte Akkord blieb in der Luft hängen.

Niemand bewegte sich.

Kein Glas.

Kein Stuhl.

Nicht einmal der Pianist im Hintergrund, der nun völlig überflüssig wirkte.

Der Junge nahm langsam die Hände von den Tasten.

Aber er stand nicht auf.

ER WUSSTE, DASS ES NOCH NICHT VORBEI WAR.

Der Mann trat einen Schritt näher.

Dann noch einen.

In seinem Gesicht war nichts mehr von Arroganz.

Nichts mehr von Kontrolle.

Nur eine Frage, die er nicht stellen wollte.

—Wo… hast du das gelernt?

Seine Stimme zitterte.

UND DAS WAR DAS ERSTE, WAS ALLE BEMERKTEN.

Denn dieser Mann zitterte nicht.

Nie.

Der Junge antwortete nicht sofort.

Er sah auf die Tasten.

Strich mit einem Finger sanft darüber.

Als würde er sich erinnern.

—Man lernt das nicht —sagte er schließlich—.

MAN ERINNERT SICH.

Ein Murmeln ging durch den Raum.

Der Mann schüttelte den Kopf.

—Nein.

—Das ist unmöglich.

Er versuchte zu lachen.

Es gelang ihm nicht.

—Dieses Lied existiert nicht.

DER JUNGE HOB DEN BLICK.

Direkt.

Fest.

—Doch, es existiert.

Pause.

—Sie haben es nur versteckt.

Die Stille wurde schwerer.

Unangenehmer.

Gefährlicher.

Eine Frau in der Ecke stellte langsam ihr Glas auf den Tisch.

Der Hotelmanager erschien in der Ferne, unsicher, ob er eingreifen sollte.

Der Mann atmete schneller.

—Wer hat dich geschickt?

Die Frage kam wie ein Schutzschild.

Als müsste jemand anderes dahinterstecken.

Denn etwas anderes zu akzeptieren war unmöglich.

DER JUNGE SCHÜTTELTE DEN KOPF.

—Niemand.

Er machte eine Pause.

—Ich war dort.

In diesem Moment zerbrach die Welt.

Unsichtbar.

Aber vollständig.

Der Mann wich einen Schritt zurück.

—Nein.

Der Junge rührte sich nicht.

—Doch.

Seine Augen waren nicht die eines gewöhnlichen Kindes.

Da war etwas anderes.

Etwas Altes.

Etwas, das nicht zu seinem Alter passte.

—In dieser Nacht… —fuhr der Junge fort—.

SIE HABEN DIE TÜR GESCHLOSSEN.

Der Mann hörte auf zu atmen.

Wirklich.

—Nein.

Aber jetzt war seine Stimme nur noch ein Flüstern.

—Das kannst du nicht wissen.

Der Junge neigte den Kopf.

—Sie hat geschrien.

DIE WORTE FIELEN WIE STEINE.

Schwer.

Unüberhörbar.

—Und Sie haben die Musik lauter gemacht.

Ein Mann an einem nahen Tisch stand langsam auf.

Eine andere Person begann wieder zu filmen.

Aber nicht mehr aus Spaß.

Jetzt aus einem anderen Grund.

Einem dunklen.

Das Gesicht des Mannes leerte sich.

Völlig.

—Hör auf…

Aber es klang nicht wie ein Befehl.

Es klang nach Angst.

Echter Angst.

Der Junge stand endlich vom Klavier auf.

GING AUF IHN ZU.

Schritt für Schritt.

Ohne Eile.

—Sie dachten, niemand hört es.

Der Mann schüttelte den Kopf.

—Das ist Wahnsinn.

—Das ist eine Lüge.

Der Junge blieb einen Meter vor ihm stehen.

—DANN SCHAUEN SIE HIN.

Er griff in seine Tasche.

Holte etwas Kleines heraus.

Eine alte Aufnahme.

Ein abgenutztes Gerät.

Er legte es auf das Klavier.

—Sie hat immer aufgenommen.

Der Mann sah es an.

UND ER WUSSTE ES.

Nicht, weil er alles verstand.

Sondern weil er sich zu viel erinnerte.

Zu klar.

Zu schnell.

—Nein…

Der Junge drückte auf den Knopf.

Ein Geräusch erklang.

Verzerrt.

Alt.

Aber erkennbar.

Eine Stimme.

Eine Frau.

Verängstigt.

Die ganze Lobby erstarrte.

Der Mann schlug die Hand vor das Gesicht.

—Mach es aus…

—Mach es aus!

Aber der Junge tat es nicht.

Die Aufnahme lief noch ein paar Sekunden weiter.

Genug.

Genug, um jeden Zweifel zu zerstören.

Als sie verstummte—

war die Stille schlimmer als der Ton.

DER MANN SAH DEN JUNGEN NICHT MEHR AN.

Er sah auf den Boden.

Als würde alles, was er aufgebaut hatte, unter ihm zusammenbrechen.

—Was willst du? —fragte er.

Gebrochen.

Leer.

Der Junge antwortete ohne zu zögern.

—Dass Sie aufhören zu lügen.

DER SATZ WAR RUHIG.

Aber endgültig.

Der Mann hob den Blick.

Seine Augen waren feucht.

Zum ersten Mal seit langer Zeit.

—Wer bist du?

Der Junge lächelte nicht.

Nicht diesmal.

—DERJENIGE, DER GEBLIEBEN IST, ALS SIE GEGANGEN SIND.

Dieser Satz zerbrach ihn endgültig.

Denn es war kein Geheimnis mehr.

Keine Drohung.

Es war Vergangenheit.

Lebendig.

Direkt vor ihm.

Atmend.

Wartend.

Und zum ersten Mal in seinem Leben…

gab es keinen Ort mehr, an den er fliehen konnte.

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