Viele Jahre lebte er allein am Rand des Waldes. Früher war hier Leben gewesen: Freunde kamen zu Besuch, Verwandte schauten gelegentlich vorbei, im Hof stand ein Auto, aus dem Haus waren Stimmen zu hören. Doch mit der Zeit verschwand all das. Seine Frau war gestorben, der Sohn weit weggezogen und meldete sich kaum noch. Das Haus am See wurde still und leer.
Der alte Mann hatte sich an die Einsamkeit gewöhnt. Morgens trat er auf die Veranda, blickte in den Wald, lauschte dem Wind zwischen den Kiefern und heizte den Ofen an. Manchmal zogen in der Ferne Elche vorbei oder Füchse huschten durch das Dickicht, doch wilde Tiere kamen dem Haus nie nahe.
An jenem Morgen wachte er noch vor der Dämmerung auf. Zuerst dachte er, es sei der Wind, der einen Ast gegen die Tür schlug. Dann ertönte ein dumpfer Schlag, als hätte jemand schwer gegen die Veranda gestoßen.
Der alte Mann warf sich eine warme Jacke über und öffnete vorsichtig die Tür. Und erstarrte.
Direkt vor der Schwelle stand eine gewaltige Bärin. Aus ihrem Maul stieg Dampf auf, Schnee glitzerte in ihrem Fell. Doch das Seltsamste war nicht das.
Zwischen ihren Zähnen hielt sie ein kleines Bärenjunges.
Das Tier knurrte nicht und zeigte keine Zähne. Die Bärin stand einfach da und sah den Menschen direkt an. In ihren Augen lag keine Wut, nur Sorge.
Der alte Mann spürte, wie sein Herz heftig in der Brust schlug. Jeder andere hätte die Tür zugeschlagen und sich im Haus versteckt. Die Vernunft riet genau dazu.
Und genau in diesem Moment tat das wilde Tier etwas, wodurch der alte Mann endlich verstand, warum es zu seinem Haus gekommen war Die Fortsetzung dieser Geschichte findest du im ersten Kommentar
Der kleine Körper des Bärenjungen bewegte sich kaum.
Als der alte Mann sich zu dem Tier hinunterbeugte, bemerkte er an seiner Pfote eine dünne Metallschlinge. Es war eine Wildererfalle, die sich tief in die Haut geschnitten hatte. Das Junge bewegte sich kaum und atmete schwer.
Vorsichtig öffnete der alte Mann die Schlinge und befreite die Pfote. Dann hob er das kleine Tier auf und brachte es ins Haus. Er legte das Bärenjunge näher an den Ofen, deckte es mit einer alten Wolldecke zu und begann behutsam, es zu reiben, um es zu wärmen.
Die Bärin saß die ganze Zeit über vor der Veranda und ging nicht fort.
Nach einiger Zeit regte sich das Jungtier leise und öffnete die Augen. Der alte Mann nahm es auf den Arm und trug es wieder nach draußen.
Die Bärin kam näher, nahm vorsichtig ihr Junges auf und berührte dann leise mit der Schnauze die Hand des Menschen.
Schon am nächsten Tag fand der alte Mann im Dickicht mehrere solcher Fallen. Er entfernte sie alle, ohne eine einzige zurückzulassen.
Seit dieser Begegnung begann er wieder jeden Tag durch den Wald zu streifen, so wie früher vor vielen Jahren.
