Es war eine ganz gewöhnliche Pause. Die Schüler saßen auf den Holzbänken im Schulhof, blinzelten in die warme Sonne, lachten und unterhielten sich. Alles wirkte ruhig und beinahe gemütlich.
Emma saß etwas abseits. Sie hielt sich aufrecht, hatte die Hände ordentlich auf den Knien gefaltet und versuchte, möglichst nicht aufzufallen. Das Mädchen war seit ihrer Kindheit blind und erst vor Kurzem auf diese Schule gewechselt. Der Umzug war für sie ohnehin schwierig gewesen, doch hier wurde alles noch schlimmer.
Schon am ersten Tag hatte man ihr nicht geholfen, sondern sie hereingelegt und in eine Abstellkammer gesperrt, indem man ihr sagte, es sei ein Unterrichtsraum. Sie saß dort stundenlang allein, ohne zu verstehen, was geschah. Danach hörten die Schikanen nicht auf – im Gegenteil, sie wurden nur grausamer.
An diesem Tag begann alles wieder ganz plötzlich.
Einer ihrer Mitschüler kam auf sie zu – ein großer, selbstsicherer Junge, der es liebte, seine Überlegenheit vor anderen zu demonstrieren.
— Nimm die Brille ab, sagte er grinsend. — Ich glaube dir nicht, dass du nichts siehst. Zeig deine Augen.
Emma antwortete ruhig, bemüht, nicht zu zittern:
— Ich werde sie nicht abnehmen.
— Ach komm schon, tu doch nicht so, fuhr er fort und griff plötzlich nach ihrem Gesicht.
Emma wich sofort zurück, presste die Hand gegen ihre Brille und versuchte, sie festzuhalten. Ihr Atem ging schneller, ihre Stimme begann zu beben.
— Bitte fass mich nicht an…
Doch der Junge beugte sich noch weiter vor und versuchte, ihr die Brille mit Gewalt abzureißen.
Hinter ihnen ertönte Gelächter. Einige filmten bereits, andere feuerten ihn an, wieder andere sahen einfach zu, als wäre es bloße Unterhaltung.
Emma begann zu weinen. Sie versuchte, seine Hand wegzustoßen, rief um Hilfe, doch niemand griff ein.
Und genau in diesem Moment geschah etwas, womit niemand gerechnet hatte. 😯😨
Ein großer, sportlicher Junge – genau der, der sonst immer die Wettbewerbe gewann, im Unterricht aber still war und sich kaum meldete.
— Hör auf, sagte er ruhig, aber mit einer Stimme, die sofort für Stille sorgte.
Er trat näher und stieß die Hand des Angreifers von Emma weg.
— Was machst du da eigentlich?
Der andere versuchte zu grinsen, doch die Sicherheit war verschwunden:
— Wir wollten doch nur…
— Nur was? unterbrach ihn der Junge und sah ihm direkt in die Augen.
— Nur weil jemand eine Behinderung hat, gibt euch das nicht das Recht, ihn wie ein Tier zu behandeln. Jeder von euch kann eines Tages selbst in so einer Situation sein. Und wie würdet ihr dann behandelt werden wollen?
Er machte eine kurze Pause, und im Hof wurde es so still, dass man hören konnte, wie jemand nervös sein Handy wegsteckte.
— Mein Vater ist behindert. Er kann nicht laufen. Aber das bedeutet nicht, dass man ihn erniedrigen darf.
Der Junge blickte erneut zu dem, der vor Emma stand.
— Wenn ihr dieses Mädchen noch einmal anfasst, bekommt ihr es mit mir zu tun.
Niemand sagte etwas. Das Lachen verstummte. Die Handys wurden gesenkt.
Und zum ersten Mal seit langer Zeit wurde es in diesem Hof wirklich still.
