Alle im Dorf waren sich sicher, dass Bäuerin Nadja nach dem Tod ihres Mannes ein wenig den Verstand verloren hatte.
Die Leute hatten Mitleid mit ihr. Fast fünfzig Jahre hatte sie mit ihrem Mann unter einem Dach gelebt. Sie waren immer zusammen gewesen. Zusammen gingen sie einkaufen, saßen gemeinsam auf der Bank vor dem Haus, arbeiteten sogar nebeneinander im Garten.
Und dann starb er.
Ihr Sohn war schon vor vielen Jahren gestorben. Die Enkel lebten in der Stadt und kamen immer seltener zu Besuch. So blieb Bäuerin Nadja nach langer Zeit zum ersten Mal ganz allein zurück.
Eines Tages bemerkten die Nachbarn ein merkwürdiges Bild.
Bäuerin Nadja trat mit einer Schaufel in den Hof und begann, mitten auf dem Grundstück zu graben.
Zuerst schenkte niemand diesem Treiben große Beachtung.
„Wahrscheinlich will sie Kartoffeln pflanzen“, sagten die Nachbarn.
Anfangs war es nur klein. Dann wurde es tiefer. Schließlich so tief, dass man darin stehen konnte.
Bäuerin Nadja war inzwischen fast achtzig. Mit den Jahren war sie schwächer geworden, sodass sie mehrere Tage hintereinander an dem riesigen Loch arbeitete.
Manchmal wachten die Nachbarn nachts von einem seltsamen Geräusch auf. Es war die Schaufel, die immer wieder in die feuchte Erde stieß.
Eines Tages konnte ein Nachbar über den Zaun nicht länger schweigen und fragte:
„Bäuerin Nadja, warum graben Sie so ein großes Loch?“
Die Frau wischte sich die Stirn mit der Hand ab und antwortete ruhig:
„Mein Mann hat mir vor seinem Tod gesagt, ich soll genau in der Mitte des Hofes graben. Also graben ich.“
„Aber warum?“
Bäuerin Nadja zuckte mit den Schultern.
„Wenn Gott will, werde ich es noch erfahren.“
Nach diesem Gespräch waren die Leute endgültig überzeugt, dass die alte Frau den Verstand verloren hatte. Manche Nachbarn riefen sogar die Polizei.
Die Polizisten kamen noch am selben Tag. Und genau an diesem Tag stieß Bäuerin Nadja endlich auf das, wonach sie so lange gesucht hatte.
Die Schaufel traf plötzlich auf etwas Hartes. Ein dumpfer, hölzerner Klang ertönte.
Die Erde wurde schnell beseitigt, und darunter kam der Deckel einer riesigen alten Truhe zum Vorschein, die wie ein kleiner Sarg aussah.
Im Inneren lagen menschliche Überreste. Auf der Brust lag ein alter Medaillonanhänger, den Bäuerin Nadja sofort erkannte. Es war ihr jüngster Sohn.
Der Junge, den das ganze Dorf seit vielen Jahren als vermisst geglaubt hatte. Vor langer Zeit war der Teenager in einem Fluss ertrunken. Nur der Vater wusste die Wahrheit.
Er hatte Angst, es seiner Frau zu sagen. Stattdessen erzählte er allen, dass er den Sohn aus dem Haus verstoßen habe und ihm verboten sei, zurückzukehren.
Die Frau weinte jahrelang, in der Hoffnung, dass ihr Sohn eines Tages doch noch zurückkehren würde. Erst kurz vor seinem Tod gestand der Mann endlich die Wahrheit.
Er sagte nur einen Satz:
„Grabe in der Mitte des Hofes. Dort liegt unser Sohn. Lasst ihn wenigstens würdevoll bestatten.“
Und nun, nach all den Jahren, hatte Bäuerin Nadja endlich gefunden, wonach sie gesucht hatte.
