Marina wachte früher als gewöhnlich auf – ein seltener ruhiger Morgen, an dem niemand sie drängte, anrief oder ihre Aufmerksamkeit verlangte. Ihr Mann war auf Geschäftsreise, die Kinder bei den Großeltern, und die Stille in der Wohnung wirkte fast festlich. Sie beschloss, sich ein kleines Ritual zu gönnen: eine weiche Decke, warmer Tee, ihr Lieblingsbuch – endlich ein Moment für sich selbst.
In der Küche stellte sie den Wasserkocher an und begann, die Schachtel mit den Teebeuteln zu durchsuchen. Der Duft von Bergamotte hob immer ihre Stimmung. Sie nahm den ersten Beutel, der ihr in die Hände fiel, verzog aber sofort das Gesicht – er raschelte irgendwie seltsam. „Wahrscheinlich das Papier“, dachte Marina und wollte den Beutel schon in die Tasse geben.
Doch plötzlich … bewegte sich der Beutel ganz leicht.
Sie erstarrte. Sogar ihr Atem wurde leiser.
„Das hat sich nur so angefühlt“, flüsterte sie sich selbst zu und hielt den Beutel vorsichtig näher ans Licht.
Die Nähte des Papiers schienen leicht geöffnet zu sein, und im Inneren bewegte sich etwas Weißes ruckartig. Marina wurde bei dem Gedanken ganz schwindelig – aber ihr Verstand sagte ihr: „Das ist doch nur Tee. Da kann nichts drin sein.“
Ihre Hände zitterten. Sie riss die Tüte auf, um sich ein für alle Mal zu vergewissern.
Und im nächsten Moment zuckte sie zusammen:
Aus dem Inneren fiel ein winziger lebender Maden heraus.
Ein echter. Sich windend.
Marina schrie auf und zuckte so heftig zurück, dass sie mit dem Ellbogen die Zuckerdose vom Regal stieß. Der Zucker verstreute sich über den ganzen Tisch, aber sie bemerkte es nicht einmal – sie zitterte vor Ekel und Schock.
Auf dem Boden kroch ein blasser Wurm langsam weiter.
Ihr eigener Tee … ihre Lieblingsmarke … sie hätte ihn fast getrunken!
Ihr Herz schlug so laut, dass sie dachte, die Nachbarn würden es hören. Sie schnappte sich die Schachtel, schüttete alle Teebeutel auf den Tisch und begann, sie nacheinander zu überprüfen. Einige waren in Ordnung, aber zwei sahen aufgebläht und uneben aus. Sie riss sie wütend auf – und fand in einem einen kleinen Kokon.
Ein Schauer lief ihr über den Rücken.
Marina sank auf einen Stuhl, bedeckte ihr Gesicht mit den Händen und versuchte, sich zu beruhigen. Der Gedanke, dass sie das Ganze noch vor einer Minute an ihren Lippen gehabt hatte, ließ sie erschaudern.
Ihre ersten Gedanken galten den Kindern: „Was, wenn eines von ihnen das gesehen hätte? Was, wenn sie es aus Versehen probiert hätten?“
Es wurde ihr ganz schlecht.
Sie sammelte ihre Kräfte und rief den Kundendienst des Unternehmens an, aber dort fragte man sie nur nach der Chargennummer und bedankte sich höflich für die Information. Kein Mitgefühl, kein menschliches Interesse. Als hätte sie sich über eine leicht beschädigte Verpackung beschwert und nicht über ein lebendes Wesen in ihrem Essen.

Aus einem Gefühl des ekelhaften Protests heraus warf Marina die ganze Schachtel weg. Sofort. Ohne nachzudenken. Und dann wusch sie lange ihre Hände, den Tisch, den Boden – alles, was dieses kleine weiße Grauen berührt haben könnte.
Und als sie endlich das Gefühl hatte, sauber zu sein, kam ihr plötzlich ein unerwarteter Gedanke:
Ihr kleines Morgenritual – Tee, Decke, Buch – schien ihr plötzlich nicht mehr so wichtig zu sein. Sie wollte nur noch eines: sich einen starken schwarzen Kaffee machen, am besten löslichen, ohne Überraschungen darin.
Aber das Seltsamste geschah am Abend. Als Marina den Schrank öffnete, um den frisch gekauften Kaffee hineinzustellen, hörte sie für einen Moment ein vertrautes leises Rascheln. Sie erstarrte, ihr Herz setzte einen Schlag aus.
Und dann begriff sie – das Geräusch kam nicht aus der Tüte und auch nicht aus der Schachtel.
Es war ein kleiner weißer Punkt, kaum sichtbar an der Innenwand des Schranks, wo sie den Tee aufbewahrte, der darauf hindeutete, dass der Morgen nur der Anfang war…
