Das Gewitter endete plötzlich, als hätte jemand den Himmel ausgeschaltet. Über dem alten Friedhof herrschte Stille. Die feuchte Erde glänzte in der Sonne, und von den nassen Grabplatten stieg Dampf auf. Zwischen den Kreuzen flogen Spatzen umher, und irgendwo in der Ferne tropfte Wasser von den Bäumen.
Der Wächter Franz, ein alter Mann mit grauem Bart, wischte sich die Stirn ab und kam aus der Wachstube. Er mochte Gewitter nicht – er sagte, der Donner „wecke diejenigen, die schlafen sollten“. Heute war der Donner besonders laut. Und als der letzte Donnerschlag verklungen war, hörte er ein dumpfes Krachen – als wäre ein Stein von seinem Platz gerutscht.
Franz blickte zum Hügel hinauf. Dort, wo die alte Gruft stand, spiegelte sich die Sonne in etwas Metallischem. Er nahm eine Laterne, obwohl es schon hell war, und ging den nassen Weg entlang. Die Luft war dick und warm und roch nach Feuchtigkeit und Lehm.
Als er näher kam, sah er, dass die massive Tür der Gruft angelehnt war. Der Stein, der sie seit Jahrhunderten verschlossen hatte, war durch einen Blitzschlag gespalten worden. Von innen zog es kalt und muffig. Franz beugte sich vor, um hineinzuschauen, bemerkte aber Spuren von bloßen Füßen auf dem Boden. Ganz frisch. Sie führten von der Tür weg und verloren sich zwischen den Gräbern.

Er richtete sich auf, sein Herz pochte. Um ihn herum war alles von Sonnenlicht durchflutet, aber hier schien das Licht fremd und kalt zu sein. Und plötzlich drang ein Geräusch aus dem Gewölbe. Kein Echo, kein Wind. Schritte. Langsam, unregelmäßig.
Franz wich zurück, stolperte über die Platte und ließ die Laterne fallen. Aus der Öffnung fiel ein langer Schatten auf den Boden – ein menschlicher, aber irgendwie zitternder. Der alte Mann rannte los. Erst als er sich umdrehte, sah er, dass die Tür zum Keller wieder geschlossen war.
Am nächsten Tag kamen Arbeiter, um den Eingang zu verstärken. Aber als sie den Stein entfernten, fanden sie frische Fußabdrücke – als hätte jemand direkt vor der Tür gestanden und gelauscht, wie sie sich näherten.
