Das Kind malte jeden Tag seltsame Bilder – als die Lehrerin genauer hinsah, erstarrte sie

Zunächst dachte Frau Carter sich nichts dabei. Die Kinder in ihrer zweiten Klasse malten ständig seltsame Dinge – Burgen, die am Himmel schwebten, Tiere mit zu vielen Beinen, Familien mit Strichmännchen und schiefen Lächeln. Aber ein Junge, Daniel, schien anders zu sein.

Jeden Tag, während die anderen Kinder Blumen oder Superhelden zeichneten, malte Daniel immer wieder dieselbe Szene. Ein kleines Haus. Ein großer Mann in der Tür. Und ein Kind – immer ein Kind – das draußen im Dunkeln stand.

Zunächst lächelte Frau Carter höflich und lobte seine Kreativität. „Das ist sehr detailliert, Daniel“, sagte sie und steckte das Papier in seine Mappe. Aber nach einigen Wochen wurden die Zeichnungen immer beunruhigender.

Der Mann in der Tür wurde schärfer, sein Gesicht war mit dunklen Bleistiftstrichen stark schattiert. Manchmal waren seine Hände mit rotem Wachsmalstift verschmiert. Und das Kind draußen – immer kleiner, immer wegschauend – begann unheimlich wie Daniel selbst auszusehen.

Eines Nachmittags, während die Kinder draußen spielten, blieb Frau Carter an ihrem Schreibtisch sitzen und blätterte durch Daniels Mappe mit Zeichnungen. Ihre Hände begannen zu zittern. Die Bilder waren nicht zufällig. Sie waren sequenziell, fast wie eine Geschichte, die sich Seite für Seite entfaltete.

Das erste zeigte Daniel allein. Dann Daniel in der Nähe des Hauses. Dann Daniel, der im Dunkeln stand. Und dann … der Mann, immer näher und näher, bis er die ganze Seite ausfüllte.

Auf der letzten Zeichnung war das Kind verschwunden. Nur der Mann war übrig geblieben.

Als Daniel aus der Pause zurückkam, kniete Frau Carter neben seinem Tisch nieder. „Daniel, mein Schatz, wer ist der Mann, den du immer wieder zeichnest?“, fragte sie sanft.

Daniel blickte mit großen, unschuldigen Augen auf. Zum ersten Mal lächelte er.

„Er hat mir gesagt, ich soll es niemandem erzählen“, flüsterte er.

Frau Carter lief ein Schauer über den Rücken.

An diesem Abend, da sie das Gefühl nicht loswerden konnte, rief sie Daniels Eltern an. Seine Mutter ging ans Telefon, müde, aber höflich. Als Frau Carter die Zeichnungen beschrieb, herrschte am anderen Ende der Leitung lange, bedrückende Stille.

Schließlich flüsterte die Mutter: „Aber … Daniel weiß nichts von ihm. Er ist gestorben, bevor Daniel geboren wurde.“

Frau Carter stockte der Atem. „Wer?“, fragte sie.

„Mein Vater“, sagte die Mutter mit brüchiger Stimme. „Er … er stand nachts immer in der Tür. Und beobachtete uns. Ich habe Daniel nie davon erzählt.“

Frau Carter legte auf, ihre Hände waren eiskalt. Die Bilder aus Daniels Zeichnungen wirbelten in ihrem Kopf herum – das Haus, der Mann im Schatten, das Kind draußen.

Als sie an diesem Abend das Licht in ihrem Klassenzimmer ausschaltete, warf Frau Carter einen Blick zum Fenster. Für einen Moment glaubte sie, ihn auch zu sehen – einen großen Mann, der in der Dunkelheit stand und zusah.

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